Überspringen zu Hauptinhalt

Die neue Thüringen AG

  • 2012

Die Hasec-Elek­tro­nik GmbH ist mit ihren 200 Mit­ar­bei­tern ein klas­si­scher Mit­tel­ständ­ler. In den Rein­räu­men des Thü­rin­ger Unter­neh­mens aus Wutha-Farn­roda wer­den unter ande­rem Micro-SD-Kar­ten gefer­tigt, die die Spei­cher­ka­pa­zi­tät von Han­dys erhö­hen, und Blut­zu­cker­mess­sys­teme für Dia­be­tes­pa­ti­en­ten. »Die Firma gehört auf dem Gebiet zu den Tech­no­lo­gie-Füh­rern«, sagt Fir­men­chef Tho­mas Kuhn. Um wei­ter zu inves­tie­ren, wollte Hasec zuvor das Eigen­ka­pi­tal stär­ken. »Wir haben einen seriö­sen Geld­ge­ber gesucht, keine Heu­schre­cke«, sagt Kuhn.

Mit der Betei­li­gungs­ma­nage­ment Thü­rin­gen GmbH (bm|t) habe man die­sen gefun­den, die sich mit 25 Pro­zent an Hasec betei­ligte. Wie­viel Geld geflos­sen ist, ver­rät das Elek­tro-Unter­neh­men nicht. »Unsere ange­strebte Expan­sion ist damit aber mög­lich«, sagt Kuhn. Die bm|t ist eine Toch­ter der Thü­rin­ger Auf­bau­bank. Wie viele lan­des­ei­gene Betei­li­gungs­ge­sell­schaf­ten in ande­ren Bun­des­län­dern auch, unter­stützt sie junge Unter­neh­men mit Risi­ko­ka­pi­tal. Das Beson­dere: Die bm|t steigt Schritt für Schritt auch in eta­blierte Thü­rin­ger Unter­neh­men ein. Mitt­ler­weile ist sie mit Ana­ly­tik Jena, Jen­op­tik und Carl Zeiss Medi­tec an den drei füh­ren­den Bör­sen-Unter­neh­men des Lan­des betei­ligt. Ziel der bm|t ist es, nicht nur Ren­dite zu erzie­len, son­dern Unter­neh­mens­sitze und Stand­orte im Land zu sichern. Der Frei­staat schafft sich so seine Thü­rin­gen AG.

Staat als Anker-Aktio­när

bm|t‑Geschäftsführer Chris­tian Dam­ja­kob hat ein klei­nes, funk­tio­nal ein­ge­rich­te­tes Büro im Haus der Thü­rin­ger Auf­bau­bank in Erfurt. Von hier aus ver­wal­tet Dam­ja­kob mit sei­nem Team etwa 45 Fir­men­be­tei­li­gun­gen mit einem Gesamt­vo­lu­men von 250 Mil­lio­nen Euro. Pro Jahr will die Gesell­schaft bis zu 20 Mil­lio­nen Euro inves­tie­ren. Neben staat­li­chem Geld wirbt die bm|t nach Wor­ten von Dam­ja­kob auch pri­va­tes Geld etwa von Ver­si­che­run­gen, Ban­ken und Pen­si­ons­kas­sen ein. Der größte von vier akti­ven Fonds sei die Thü­rin­ger Indus­trie­be­tei­li­gungs­ge­sell­schaft (TIB). Der Fonds wurde bereits 1993 vom Land gegrün­det, um damals ange­schla­gene Fir­men finan­zi­ell über Was­ser zu hal­ten. Über die TIB, in der weit­ge­hend staat­li­che Gel­der ste­cken, wird heute in flo­rie­rende Tech­no­lo­gie-Unter­neh­men inves­tiert.

»Die Stärke der hie­si­gen Fir­men – ihre Klein­tei­lig­keit – ist gleich­zei­tig ihre Schwä­che«, sagte der Thü­rin­ger Wirt­schafts­mi­nis­ter Mat­thias Mach­nig (SPD) der »Thü­rin­ger Lan­des­zei­tung« Anfang 2012. Klein­tei­lige Fir­men seien unge­mein fle­xi­bel, hät­ten aller­dings eine eher dünne Eigen­ka­pi­tal­aus­stat­tung. Die bm|t solle hier ein­sprin­gen. Mach­nig machte kei­nen Hehl dar­aus, dass ein Ein­stieg der bm|t in Fir­men auch mög­lich ist, um Finanz­in­ves­to­ren abzu­weh­ren, die ledig­lich kurz­fris­tige Ren­di­teaus­sich­ten ver­fol­gen.

Die­ses Wirt­schafts­pro­gramm wird umge­setzt und Kon­flik­ten nicht aus dem Weg gegan­gen. Im Früh­jahr 2012 stieg die Betei­li­gungs­firma beim bör­sen­no­tier­ten Labor­tech­nik-Her­stel­ler Ana­ly­tik Jena mit 18 Pro­zent ein. Dazu wurde zum Ärger des Ana­ly­tik-Jena-Groß­ak­tio­närs, des nie­der­län­di­schen Unter­neh­mens Ver­der, eine Kapi­tal­erhö­hung mit Son­der­be­zugs­recht vor­ge­nom­men. Bm|t stieg ein, die Nie­der­län­der, denen nach­ge­sagt wurde, einer Über­nahme von Ana­ly­tik Jena nicht abge­neigt zu sein, blie­ben außen vor. »Dies lief recht­lich alles ganz sau­ber ab«, sagt Klaus Berka, Vor­stands­vor­sit­zen­der von Ana­ly­tik Jena. Zwar habe es zunächst Unmut bei Ver­der gege­ben, doch der Kon­flikt sei inzwi­schen aus­ge­räumt. »Das fri­sche Geld haben wir für wei­tere Inves­ti­tio­nen ein­ge­setzt«, sagt Berka. Für den Unter­neh­mens-Chef ist es wich­tig, dass er mit der bm|t einen wei­te­ren »Anker-Aktio­när gefun­den hat«. Ana­ly­tik Jena sei wie eine »Perle auf dem Mee­res­grund«. Da gebe es immer wie­der Begehr­lich­kei­ten von Inves­to­ren.

Beim zweit­größ­ten bör­sen­no­tier­ten Unter­neh­men des Lan­des, der Jen­op­tik AG, ist die bm|t mit elf Pro­zent betei­ligt. Im Juli 2011 erwarb die Inves­ti­ti­ons­ge­sell­schaft für gut 40 Mil­lio­nen Euro die Anteile. Jen­op­tik ist vor 20 Jah­ren aus dem VEB Carl Zeiss Jena her­vor­ge­gan­gen und beschäf­tigt welt­weit 3 000 Mit­ar­bei­ter »Die Betei­li­gung ist vor allem eine pro­fit­ori­en­tierte Inves­ti­tion«, sagt bm|t‑Chef Dam­ja­kob. Thü­rin­gens Finanz­mi­nis­ter Wolf­gang Voß wurde jedoch nach dem Anteils­kauf in Medien mit dem Satz zitiert: Es habe die Gefahr bestan­den, dass ein Teil »in den Besitz von Hedge­fonds gerät, deren Inter­es­sen schwer zu durch­schauen sind«.

FDP ist skep­tisch

Neben die­sen bekann­ten Namen ist die lan­des­ei­gene Risi­ko­ka­pi­tal-Gesell­schaft mit ihren Fonds aber auch an Indus­trie-Fir­men wie Samag in Saal­feld, Asola in Erfurt, Häcker Auto­ma­tion in Schwarz­hau­sen und Inno­va­tive Mobi­lity Auto­mo­bile in Jena betei­ligt.

Wirt­schafts­for­scher Ulrich Blum von der Uni­ver­si­tät Halle hält die Stra­te­gie der Lan­des­re­gie­rung für ver­nünf­tig: »Ost­deutsch­land feh­len Groß­un­ter­neh­men, die vor Ort ihren Sitz haben und For­schung betrei­ben.« Wachs­tums­starke Fir­men wür­den zudem schnell zu Über­nah­me­kan­di­da­ten. »Im Osten sind ver­mö­gende Fami­lien rar, die als Anker-Aktio­när die­sen Unter­neh­men Sta­bi­li­tät geben«, so der ehe­ma­lige Prä­si­dent des Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung Halle. Dies könne auch eine staat­li­che Gesell­schaft über­neh­men. Wich­tig sei, dass in Fir­men inves­tiert werde, die ein funk­tio­nie­ren­des Geschäfts­mo­dell besit­zen.

Kri­tisch äußert sich der wirt­schafts­po­li­ti­sche Spre­cher der Thü­rin­ger FDP-Land­tags­frak­tion, Tho­mas Kem­me­rich: »Der Staat ist nicht der bes­sere Unter­neh­mer.« Es sei rich­tig, kleine, inno­va­tive Fir­men zu för­dern. Bei Inves­ti­tio­nen in grö­ßere Unter­neh­men bestehe die Gefahr, dass eher poli­ti­sche als wirt­li­che Beweg­gründe im Vor­der­grund ste­hen. Die­sen Ver­dacht will Dam­ja­kob mit sei­ner Arbeit ent­kräf­ten: »Natür­lich hat das Land Thü­rin­gen als Geld­ge­ber struk­tur­po­li­ti­sche Ziele.« Die bm|t ent­scheide aber eigen­stän­dig über die Inves­ti­tio­nen. »Wir wol­len mit den Betei­li­gun­gen Gewinne erzie­len«, sagt er. »Nur wo dies mög­lich ist, wer­den wir uns enga­gie­ren.«

Ver­fas­ser: Stef­fen Höhne / Mit­tel­deut­sche Zei­tung vom 02.10.2012

Den Ori­gi­nal­ar­ti­kel fin­den Sie hier.

An den Anfang scrollen
×Suche schließen
Suche