20. Juli 2022 Interview mit Revincus: Wärmerückgewinnung durch Abwasser

Jeder von uns pro­du­ziert am Tag Unmen­gen von Abwas­ser, das ein­fach abfließt. Jere­mias Pols­ter und Felix Kon­stan­tin Drech­sel nut­zen das Grau­was­ser für die Wär­me­rück­ge­win­nung in Wohn­ge­bäu­den. Im Inter­view spre­chen wir mit den Grün­dern der Revin­cus GmbH über Ihre Erfin­dung und das Pilot­pro­jekt in Stadtroda.

Sie haben gerade ein Groß­pro­jekt in Stadt­roda, wo ihr Sys­tem in einem typi­schen DDR-Plat­ten­bau zum Ein­satz kommt. Wie gewin­nen Sie aus Abwas­ser Energie?

Jere­mias Pols­ter: Wir sind Teil einer auf­wän­di­gen Mus­ter­sa­nie­rung und bei die­sem gro­ßen Pro­jekt wer­den 14 Abwas­ser-Wär­me­tau­scher und 24 Abwas­serwei­chen von uns verbaut.

Felix Kon­stan­tin Drech­sel: Ange­fan­gen hat alles mit einer Stu­die, in der es darum ging, den WBS70 Wohn­block so CO2-neu­tral wie mög­lich zu bekom­men. Unsere Tech­no­lo­gien kön­nen einen gro­ßen Teil dazu bei­tra­gen. Das Pro­jekt in Stadt­roda stellt somit ein Mus­ter für kom­mende Sanie­run­gen für diese Wohn­block-Typen zur Ver­fü­gung. Davon haben wir in Ost­deutsch­land etwa zwei Mil­lio­nen Wohneinheiten.

Was funk­tio­niert Ihre Erfindung?

Jere­mias Pols­ter: Mit dem revin­cus-Sys­tem haben wir ein neu­ar­ti­ges Ver­fah­ren für die Abwas­ser­wär­me­rück­ge­win­nung im Woh­nungs­bau ent­wi­ckelt. Der gleich­na­mige Wär­me­tau­scher ana­ly­siert die unter­schied­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren im soge­nann­ten Grau­was­ser, schich­tet diese vor­ge­fil­tert in ver­schie­dene Tem­pe­ra­tur­zo­nen ein und spei­chert das Ener­gie­po­ten­zial im Sys­tem. Über meh­rere Wär­me­tau­scher wird die im Abwas­ser ent­hal­tene Wär­me­en­er­gie dann auf ein flüs­si­ges Medium (wie das Hei­zungs­me­dium) über­tra­gen und dem Haus­halt wie­der zur Ver­fü­gung gestellt. In Bestands­ge­bäu­den gibt es aller­dings im Regel­fall nur ein Abwas­ser­rohr. Dabei wird nicht zwi­schen dem fäkal­be­schmutz­ten Schwarz­was­ser, also all dem, was von der Toi­lette gespült wird und dem ener­ge­tisch nutz­ba­ren Grau­was­ser aus der Wasch- und Spül­ma­schine, Dusche oder Bade­wanne unter­schie­den. Das aber genau trägt die Wär­me­en­er­gie in sich, die wir wie­der auf­fan­gen und rück­füh­ren wol­len. Um unsere Wär­me­tau­scher in Bestands­ge­bäude nach­träg­lich inte­grie­ren zu kön­nen, haben wir die Abwas­serwei­che ent­wi­ckelt. Diese wird im bestehen­den Strang ein­ge­setzt und split­tet fort­lau­fend in eine Schwarz- und Grau­was­ser­lei­tung auf. Über Druck­sen­so­ren in den Spül­käs­ten der Toi­let­ten wird dann ein Signal aus­ge­löst, wodurch die Abwas­serwei­che erkennt, dass Schwarz­was­ser anfällt, und die Wei­che lei­tet das anfal­lende Abwas­ser in die Kana­li­sa­tion. Andern­falls befin­det sich die Abwas­serwei­che in der Grau­was­ser­po­si­tion und lei­tet das ener­ge­tisch ver­wert­bare Grau­was­ser wei­ter zu unse­ren Wär­me­tau­schern. Wir pro­du­zie­ren alle jeden Tag Unmen­gen von Abwas­ser, wel­ches ein­fach abfließt. Hier set­zen Sie an und sagen, dass Sie dort die Wärme raus­ho­len wol­len. In wel­chem Umfang?

Felix Kon­stan­tin Drech­sel: Bei dem täg­li­chen Anfall von Grau­was­ser arbei­tet unser Sys­tem mit den Stoß­zei­ten, also mor­gens und abends. Wir fan­gen erst ein­mal die Hälfte, was an einem Tag anfällt, in einem Tank auf, das sind dann circa 35 Liter pro Kopf. Das spei­chern wir und schich­ten es nach Tem­pe­ra­tur ein. Damit kön­nen wir das Trink- oder Hei­zungs­was­ser dann wie­der vor­wär­men. Wir haben also eine „Vorerwärm“-Stufe für die Trink­was­ser­er­wär­mung geschaf­fen. Das Ganze wird im bes­ten Fall auch noch mit einer Wär­me­pumpe kom­bi­niert. Und damit kön­nen wir dann den größ­ten Teil des nutz­ba­ren Ener­gie­po­ten­ti­als im Abwas­ser wie­der­ver­wer­ten. Wir geben es dann im bes­ten Fall mit fünf Grad in die Kana­li­sa­tion zurück – also sogar käl­ter, als es in das Haus rein­ge­flos­sen ist.

Es unter­stützt somit die Trink­was­ser-Erwär­mung. Das wird immer attrak­ti­ver, je grö­ßer das Gebäude ist. In Stadt­roda haben wir 160 Mega­watt­stun­den im Jahr, die man zurück­ge­win­nen kann. Das wären dann 30–40 Ton­nen CO2, die ein­ge­spart wer­den kön­nen, je nach­dem wie das Gebäude geheizt wird. Wenn man aktu­ell mit den neuen Gas­prei­sen rech­net, dann spart man im gesam­tem Block über 40.000 Euro an Ener­gie­kos­ten jährlich.

Wann rech­net sich Ihr System?

Felix Kon­stan­tin Drech­sel: Amor­ti­sie­ren wird sich unsere Anlage in zehn Jah­ren. Da haben wir aller­dings noch mit den Ener­gie­prei­sen aus dem Jahr 2021 gerech­net. Wenn wir jetzt die aktu­el­len Ener­gie­preise in Betracht zie­hen, ver­kürzt sich die Zeit deutlich.

Ihr Sys­tem könnte aber sicher nicht nur in Plat­ten­bau­ten ein­ge­setzt wer­den, oder?

Felix Kon­stan­tin Drech­sel: Genau. Wir haben jetzt meh­rere Pilot­pro­jekte, dar­un­ter auch Ein­fa­mi­li­en­häu­ser, Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser und eben diese gro­ßen Wohn­blocks. Da kann man jetzt auch abse­hen, wel­che Amor­ti­sie­rungs­zei­ten an dem jewei­li­gen Gebäu­de­typ rea­li­sier­bar sind.

Jere­mias Pols­ter: Das ist eben immer ein aus­schlag­ge­ben­der Punkt für Bau­her­ren und Pro­jekt­ent­wick­ler. Wenn es nur darum geht, unsere Anlage nach­zu­rüs­ten, dann ist eine Kern­sa­nie­rung oder Strang­sa­nie­rung eben eine rie­sige Maß­nahme. Und wenn man eben nicht strang­sa­nie­ren möchte, dann ist der Ein­satz unse­rer Abwas­serwei­che eine kos­ten­güns­tige Alter­na­tive, um im Gebäu­de­be­stand nach­zu­rüs­ten. Das Gesamt­sys­tem soll auch lang­fris­tig mit einer App ver­bun­den wer­den, wo man dann alle Werte der Anlage ein­se­hen kann. Zum Bei­spiel kann man dann sehen, wie viel Ener­gie man noch im Sys­tem hat und ob es sich gerade lohnt, noch eine Wasch­ma­schine anzuschmeißen.

Wie kommt man auf sol­che Idee und sich damit auch noch selb­stän­dig zu machen, inmit­ten einer Pandemie?

Felix Kon­stan­tin Drech­sel: Die ursprüng­li­che Idee kam mir in Finn­land. Dort war ich nach dem Abitur und habe ein Prak­ti­kum als Klemp­ner gemacht. Ich habe dabei gehol­fen Wär­me­pum­pen­an­la­gen auf­zu­bauen und in Nor­we­gen wurde auch viel mit Luft­wär­me­rück­ge­win­nung gear­bei­tet. Da hat sich mir dann die Frage gestellt, warum wir nicht das Abwas­ser nut­zen, weil es doch ein viel bes­se­rer Ener­gie­spei­cher ist. Man kann das Was­ser in einem Tank abspei­chern und anschlie­ßend nut­zen, wenn man es braucht. Bei Luft ist das ganz anders, da sie eine schlechte Wärme-Spei­cher­ka­pa­zi­tät hat und sie muss dann genutzt wer­den, wenn sie anfällt. So kam die Grundidee.

In Wei­mar habe ich dann das Bau­in­ge­nieurs­stu­dium ange­fan­gen und Jere­mias ken­nen­ge­lernt. Weil wir beide etwas anfan­gen woll­ten, habe ich von mei­ner Idee erzählt und wir haben uns ent­schie­den, da gemein­sam was zu ent­wi­ckeln. Wir haben dann erst eine GbR gegrün­det, dann eine GmbH und Finan­zie­rungs­mit­tel eingesammelt.

Jere­mias Pols­ter: Ein ganz wich­ti­ger Schritt war auch, dass wir im Januar 2019 das erste Patent ange­mel­det haben. Dafür haben wir eine sehr umfang­rei­che Patent­re­cher­che machen las­sen. Dadurch haben wir fest­ge­stellt, dass es so wie wir es machen, kei­ner bis­her umsetzt. Es gibt viele zen­trale Wär­me­tau­scher, bei denen man die Ener­gie direkt nut­zen muss, aber eine Spei­cher­lö­sung, wie wir sie anbie­ten, ist bis­her ein­ma­lig. Das war auch noch ein aus­schlag­ge­ben­der Punkt für die Ent­schei­dung, dass wir es ver­su­chen wollten.

Wie wich­tig war die Betei­li­gung der bm|t für Sie?

Jere­mias Pols­ter: Die Betei­li­gung war ent­schei­dend für uns. Ohne sie gäbe es uns nicht. Da es ein Hard­ware-Thema ist, hat­ten wir enorm hohe For­schungs- sowie Ent­wick­lungs­kos­ten und wir brauch­ten Mit­ar­bei­ter und den Platz.

Sie haben sich in Wei­mar nie­der­ge­las­sen. Möch­ten Sie per­spek­ti­visch woan­ders hin?

Jere­mias Pols­ter: Unser Geschäfts­sitz ist im Löb­der­gra­ben in Jena. Gemein­sam mit der Zweig­stelle in Wei­mar haben wir zwei sehr gute Stand­orte. Im bes­ten Fall blei­ben wir hier, weil auch im Nach­bar­ge­bäude viel Flä­che frei ist, die wir gebrau­chen könn­ten. Da muss aber so viel inves­tiert wer­den, dass man da erst mal über die Kon­di­tio­nen spre­chen müsste, damit man auch Sicher­hei­ten hat. Aber wir möch­ten auf jeden Fall in Jena und Wei­mar bleiben.

Wie sind Ihre Zukunfts­pläne für die Firma?

Felix Kon­stan­tin Drech­sel: Das Pro­jekt in Stadt­roda läuft bis 2023. Hier kommt in den nächs­ten Wochen die erste Abwas­serwei­che an einen Test­strang, wo zeit­nah dann auch der erste Wär­me­tau­scher inte­griert wird. Nach eini­gen Test­rei­hen wer­den dann alle Abwas­serwei­chen und Wär­me­tau­scher in den Fol­ge­mo­na­ten installiert.

In der Grün­dungs­phase traf uns die Corona-Pan­de­mie nicht allzu schlimm. Aktu­ell erle­ben wir die grö­ßere Krise. Man merkt es immens an den Lie­fer­zei­ten, die sind explo­diert, haben sich ver­drei­facht, und die Preise haben sich sogar ver­vier­facht. Bis­her haben wir eigent­lich alles immer bei Dienst­leis­tern frä­sen las­sen. Das ist jetzt aber nicht mehr wirt­schaft­lich. Wenn wir das wei­ter­hin frä­sen las­sen, würde sich der Preis für die Abwas­serwei­che auch ver­vier­fa­chen. Das wäre ein No-Go. Des­we­gen machen wir das jetzt mit addi­ti­ver Fer­ti­gung im Haus sel­ber, also als 3D-Druck. Der Ein­satz eines sol­chen Dru­ckers spart Zeit, Fer­ti­gungs­kos­ten und Ner­ven. Das sind so unsere Her­aus­for­de­run­gen, vor denen wir zur­zeit ste­hen. Wahr­schein­lich wird es auch nicht ein­fa­cher, wenn dem­nächst der Gas­hahn zuge­dreht wird.

Jere­mias Pols­ter: Wir sind jetzt schon seit Län­ge­rem mit ver­schie­de­nen grö­ße­ren Fir­men im Gespräch, weil wir natür­lich auch in die Seri­en­pro­duk­tion gehen möch­ten. Der Plan ist, dass wir im nächs­ten Jahr die Pro­duk­tion vor­be­rei­ten. Jedes unse­rer sechs Patente ist auch inter­na­tio­nal im Patent­pro­zess, weil wir auf jeden Fall auch den inter­na­tio­na­len Markt bedie­nen wol­len. Wir haben auch Anfra­gen zum Bei­spiel aus Ungarn und Polen.

 

Vie­len Dank für das Gespräch!