Perceptec im Interview: „Augendiagnostik effizienter gestalten und leichter zugänglich machen“

4. September 2026

Der Seh­test, wie wir ihn heute ken­nen, hat sich über mehr als 100 Jahre kaum ver­än­dert. Sper­rige Geräte, feste Unter­su­chungs­räume und auf­wen­dige Abläufe prä­gen die klas­si­sche Augen­dia­gnos­tik. Einer, der diese Abläufe nicht nur aus der Per­spek­tive eines Grün­ders, son­dern auch aus dem All­tag kennt, ist Dr. Mar­kus Leicht. Als Opti­ker weiß er, wo die Gren­zen des klas­si­schen Seh­tests lie­gen. Genau hier setzt die PERCEPTEC GmbH an: Das Med­Tech-Start-up aus Jena will mit moder­ner 3D-Dis­play-Tech­no­lo­gie und inno­va­ti­ver Test­kon­zep­tion den Seh­test neu den­ken. Im Inter­view spricht Dr. Mar­kus Leicht über die Idee hin­ter PERCEPTEC, die Ent­wick­lung der Tech­no­lo­gie und den Weg von der ers­ten Vision zum funk­ti­ons­fä­hi­gen Prototyp.

Sie digitalisieren und automatisieren die Augendiagnostik. Welches konkrete Problem wollen Sie damit lösen?

Wir ent­wi­ckeln aktu­ell einen vir­tu­el­len Seh­test, der die Fehl­sich­tig­keit des Auges effi­zi­ent bestim­men kann. Ein sol­cher Seh­test ist eine zen­trale dia­gnos­ti­sche Unter­su­chung beim Augen­op­ti­ker oder Augen­arzt, der im Ergeb­nis zu einer Brille, Kon­takt­lin­sen oder mög­li­cher­weise auch einer Laser­be­hand­lung des Auges führt. Die klas­si­sche Augen­dia­gnos­tik läuft aktu­ell zwei­stu­fig ab: Zunächst wer­den mit einem Mess­ge­rät auto­ma­tisch Vor­werte ermit­telt. Diese die­nen anschlie­ßend als Aus­gangs­punkt für die sub­jek­tive Refrak­tion, bei der Fach­per­so­nal ver­schie­dene Mess­glä­ser vor­setzt und die unter­suchte Per­son nach ihrem sub­jek­ti­ven Seh­ein­druck fragt, d.h. ob sie mit einem Mess­glas bes­ser oder schlech­ter sieht. So wird über eine struk­tu­rierte Trial-and-Error Methode die pas­sende Kor­rek­tur zur Kom­pen­sa­tion der Fehl­sich­tig­keit ermit­telt. Genau die­sen kom­pli­zier­ten Pro­zess wol­len wir erset­zen, sodass die Dia­gnos­tik am Auge effi­zi­en­ter und schnel­ler durch­führ­bar ist und unkom­pli­zier­ter und flä­chen­de­cken­der ange­bo­ten wer­den kann.

Wie sieht Ihre Lösung aus?

Unsere Lösung besteht aus zwei zen­tra­len Kom­po­nen­ten: Zum einen nut­zen wir hoch­mo­derne 3D-Dis­play-Tech­no­lo­gie, um den Seh­test vom rea­len in den vir­tu­el­len Raum ver­la­gern zu kön­nen. Das Gerät ist so groß wie ein Schuh­kar­ton, der Nut­zer blickt durch zwei Oku­lare in das Gerät und sieht einen vir­tu­el­len Raum, der es ermög­licht, Test­ob­jekt in der Ferne und im Nah­be­reich rea­li­täts­ge­treu dar­zu­stel­len. Inner­halb die­ses vir­tu­el­len Raums haben wir einen Test­ab­lauf ent­wi­ckelt, der das Auge und des­sen Fehl­sich­tig­keit nicht mehr als Gan­zes unter­sucht, son­dern die Fehl­sich­tig­keit Schritt für Schritt in ver­schie­de­nen Abschnit­ten des Auges ermit­telt, wie ein­zelne Puz­zle­teile. Die Ein­zel­teile wer­den anschlie­ßend über einen Algo­rith­mus zur indi­vi­du­el­len Fehl­sich­tig­keit des Auges zusam­men­ge­setzt. Damit ist der Test­ab­lauf sehr schnell, ein­fach und eigen­stän­dig vom Unter­such­ten durchführbar.

Aktu­ell arbei­ten wir an wei­te­ren Fea­tures, die die Benut­zer­freund­lich­keit des Seh­tests ver­bes­sern sol­len. Kon­kret: ein auf das Test­kon­zept abge­stimm­tes hap­ti­sches Ein­ga­be­ge­rät sowie eine auto­ma­ti­sierte, sprach­ge­steu­erte Nut­zer­inter­ak­tion. Über die rechts­kon­forme Nut­zung von anony­mi­sier­ten Gesund­heits­da­ten wol­len wir in Zukunft unse­ren Test­al­go­rith­mus opti­mie­ren, um den Seh­test noch schnel­ler und prä­zi­ser wer­den zu las­sen. Das ist aktu­ell eine sehr span­nende Zeit für uns.

Wer profitiert von diesem Produkt?

An ers­ter Stelle soll der End­ver­brau­cher von dem Pro­dukt pro­fi­tie­ren. Das sind alle Fehl­sich­ti­gen welt­weit – immer­hin 2,2 Mil­li­ar­den Men­schen. Wovon welt­weit nur 36% Zugang zu geeig­ne­ter Dia­gnos­tik haben. Sicher ist die Ver­sor­gungs­lage in Deutsch­land posi­ti­ver zu bewer­ten, den­noch erge­ben sich auch in Deutsch­land vor allem in rura­len Regio­nen Versorgungslücken.

Damit unser Seh­test für Fehl­sich­tige zugäng­lich sein wird, adres­sie­ren wir in der ers­ten Phase eta­blierte Anlauf­stel­len: Augen­op­ti­ker, Augen­ärzte und Arbeits­me­di­zi­ner glei­cher­ma­ßen. Gerade Fach­ärzte sind heute stark aus­ge­las­tet, Pati­en­ten war­ten mit­un­ter lange auf einen Ter­min. Unsere Lösung bie­tet hier die Mög­lich­keit, Fehl­sich­tig­keit schnell und prä­zise zu bestim­men. Was bis­lang rund 15 bis 20 Minu­ten dau­erte, lässt sich mit unse­rer Tech­no­lo­gie in einer fünf­mi­nü­ti­gen Unter­su­chung abbil­den. Eine erste Vali­die­rung zeigt, dass unser Seh­test mit dem aktu­el­len Gold­stan­dard der Unter­su­chung hin­sicht­lich Prä­zi­sion und Ver­läss­lich­keit nicht nur mit­hal­ten, son­dern bereits im aktu­ell pro­to­ty­pi­schen Sta­dium über­le­gen sein kann. Das ist natür­lich auch für Augen­op­ti­ker inter­es­sant – ins­be­son­dere für große Filia­lis­ten, die ihre eng getak­te­ten Arbeits­pro­zesse effi­zi­en­ter gestal­ten möch­ten. Aber auch klei­nere Optik­ge­schäfte kön­nen pro­fi­tie­ren, etwa um Fach­kräf­te­man­gel oder Last­spit­zen am Wochen­ende fle­xi­bel abzu­de­cken. Wir sehen aber auch gro­ßes Poten­zial bei Arbeits­me­di­zi­nern, die für ein brei­tes Test­spek­trum schwere und unhand­li­che Gerä­te­tech­nik von einem Ein­satz­ort zum nächs­ten trans­por­tie­ren müs­sen. Unser Sys­tem ermög­licht durch sei­nen kom­pak­ten Form­fak­tor eine völ­lig neue Fle­xi­bi­li­tät der Nut­zung. Auf­grund der auto­ma­ti­sier­ten und damit eigen­stän­di­gen Anwend­bar­keit kann der Seh­test als Ergän­zung zu bestehen­den Ver­sor­gungs­an­ge­bo­ten in einer spä­te­ren Phase als nied­rig­schwel­li­ges und flä­chen­de­cken­des Ange­bot gedacht wer­den, z.B. in Dro­ge­rien, Apo­the­ken oder an ähn­li­chen Stand­or­ten in der Stadt und auf dem Land.

Was war die erste Anlaufstelle für Ihre Gründungsidee?

Die Idee ent­stand im Rah­men mei­ner Dok­tor­ar­beit, die über eine koope­ra­tive Pro­mo­tion an der TU Ilmenau und EAH Jena unter Ein­bin­dung eines Unter­neh­mens ent­stand, wel­ches sich im Bereich „Auto­mo­tive“ mit 3D-Dis­plays beschäf­tigte. Zu die­sem Zeit­punkt hatte ich bereits den Gedan­ken, dass sich diese Tech­no­lo­gie auch auf dia­gnos­ti­sche Anwen­dun­gen über­tra­gen lässt. Nach mei­ner Pro­mo­tion habe ich nach Mit­strei­tern gesucht und gemein­sam mit Dr. Ilka Urban und Nico Trinks wei­ter am Kon­zept gear­bei­tet. Hierzu hat­ten wir anfäng­lich Unter­stüt­zung durch das „REAHLIZE“-Projekt der EAH Jena, das uns sowohl erste finan­zi­elle Mit­tel als auch den Zugang zu Räum­lich­kei­ten im Star­tU­p­Lab zur Ver­fü­gung gestellt hat.

Wie konnte die Thüringer Gründungsinfrastruktur helfen?

Wahn­sin­nig wich­tig war für uns die Thü­rin­ger Grün­dungs­prä­mie, die wir 2023 erhal­ten haben. Mit­hilfe der Unter­stüt­zung waren wir über ein Jahr finan­zi­ell abge­si­chert und konn­ten uns voll­stän­dig auf unser Pro­jekt kon­zen­trie­ren. Im Mai 2024 haben wir dann unser Unter­neh­men, die PERCEPTEC GmbH, gegründet.

Wie kam die bm|t ins Spiel? 

Durch die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Struk­tu­ren und Abläufe im Unter­neh­men, die Erfül­lung wei­te­rer Ent­wick­lungs­schritte zu einem ers­ten funk­ti­ons­fä­hi­gen Pro­to­typ und die Kon­kre­ti­sie­rung unse­res Geschäfts­mo­dells konn­ten wir bm|t, Spar­kasse Jena-Saale-Holz­land und wei­tere Busi­ness Angel als Inves­to­ren für unser Unter­neh­men gewin­nen. In die­ser Seed-Run­den haben wir dabei nicht nur finan­zi­elle Unter­stüt­zung erhal­ten, son­dern auch wert­volle Fach­ex­per­tise gewon­nen, die uns in unter­schied­li­chen Berei­chen wei­ter­ge­bracht hat. Zusätz­lich wurde ein Pro­jekt­vor­ha­ben mit hohem För­der­vo­lu­men im För­der­pro­gramm FTI Thü­rin­gen Tech­no­lo­gie bewil­ligt. Diese finan­zi­el­len Mit­tel haben uns die Mög­lich­keit gege­ben, unser Team auf mitt­ler­weile sechs Mit­ar­bei­ter zu erwei­tern und unser inno­va­ti­ves Pro­dukt wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und zu validieren.

Wie ist der Status quo?

Wir kön­nen aktu­ell eine mehr­fach prä­mier­ten, funk­ti­ons­fä­hi­gen Pro­to­ty­pen vor­wei­sen, der bereits in die­ser Phase sehr viel­ver­spre­chende Ergeb­nisse lie­fert. Ein deut­sches Patent wurde bereits 2025 ein­ge­reicht, dazu liegt seit 2026 eine inter­na­tio­nale PCT-Anmel­dung vor. Wei­tere Patent­an­mel­dun­gen sind in Arbeit. Das Team hat sich zu einer star­ken Ein­heit ent­wi­ckelt und das Unter­neh­men macht erste, rele­vante Umsätze. Wei­ter sind wir aktu­ell in Gesprä­chen mit stra­te­gi­schen Koope­ra­ti­ons­part­nern und auf der Suche nach wei­te­ren star­ken Part­nern, um den Markt­zu­gang mit Weit­sicht vorzubereiten.

Wir sind gerade dabei eine wei­tere Finan­zie­rungs­runde für 2027 vor­zu­be­rei­ten, um vom Pro­to­typ zur Vor­se­rie in den Markt zu gelan­gen. Bei Inter­esse an einem ein­ge­hen­de­ren Aus­tausch kann man uns gerne kon­tak­tie­ren.

Wie ist Ihre Vision für die Zukunft?

Die Geschwin­dig­keit, in der heute neue Tech­no­lo­gien ent­ste­hen, ist atem­be­rau­bend. Wir wol­len gerne unse­ren Teil dazu bei­tra­gen. Aktu­ell liegt unser Fokus auf dem Test­ver­fah­ren zur effi­zi­en­ten Bestim­mung von Fehl­sich­tig­kei­ten. Gleich­zei­tig gibt es viele andere dia­gnos­ti­sche Ver­fah­ren im Bereich der Augen­op­tik und Augen­heil­kunde, die man neu den­ken kann – immer mit dem Ziel die Augen­dia­gnos­tik effi­zi­en­ter zu gestal­ten und leich­ter zugäng­lich zu machen.

Vie­len Dank für das Gespräch. 

[Das Inter­view mit Mar­kus Leicht führte Tina Zim­mer­mann von der Thü­rin­ger Auf­bau­bank]