Der Sehtest, wie wir ihn heute kennen, hat sich über mehr als 100 Jahre kaum verändert. Sperrige Geräte, feste Untersuchungsräume und aufwendige Abläufe prägen die klassische Augendiagnostik. Einer, der diese Abläufe nicht nur aus der Perspektive eines Gründers, sondern auch aus dem Alltag kennt, ist Dr. Markus Leicht. Als Optiker weiß er, wo die Grenzen des klassischen Sehtests liegen. Genau hier setzt die PERCEPTEC GmbH an: Das MedTech-Start-up aus Jena will mit moderner 3D-Display-Technologie und innovativer Testkonzeption den Sehtest neu denken. Im Interview spricht Dr. Markus Leicht über die Idee hinter PERCEPTEC, die Entwicklung der Technologie und den Weg von der ersten Vision zum funktionsfähigen Prototyp.
Sie digitalisieren und automatisieren die Augendiagnostik. Welches konkrete Problem wollen Sie damit lösen?
Wir entwickeln aktuell einen virtuellen Sehtest, der die Fehlsichtigkeit des Auges effizient bestimmen kann. Ein solcher Sehtest ist eine zentrale diagnostische Untersuchung beim Augenoptiker oder Augenarzt, der im Ergebnis zu einer Brille, Kontaktlinsen oder möglicherweise auch einer Laserbehandlung des Auges führt. Die klassische Augendiagnostik läuft aktuell zweistufig ab: Zunächst werden mit einem Messgerät automatisch Vorwerte ermittelt. Diese dienen anschließend als Ausgangspunkt für die subjektive Refraktion, bei der Fachpersonal verschiedene Messgläser vorsetzt und die untersuchte Person nach ihrem subjektiven Seheindruck fragt, d.h. ob sie mit einem Messglas besser oder schlechter sieht. So wird über eine strukturierte Trial-and-Error Methode die passende Korrektur zur Kompensation der Fehlsichtigkeit ermittelt. Genau diesen komplizierten Prozess wollen wir ersetzen, sodass die Diagnostik am Auge effizienter und schneller durchführbar ist und unkomplizierter und flächendeckender angeboten werden kann.
Wie sieht Ihre Lösung aus?
Unsere Lösung besteht aus zwei zentralen Komponenten: Zum einen nutzen wir hochmoderne 3D-Display-Technologie, um den Sehtest vom realen in den virtuellen Raum verlagern zu können. Das Gerät ist so groß wie ein Schuhkarton, der Nutzer blickt durch zwei Okulare in das Gerät und sieht einen virtuellen Raum, der es ermöglicht, Testobjekt in der Ferne und im Nahbereich realitätsgetreu darzustellen. Innerhalb dieses virtuellen Raums haben wir einen Testablauf entwickelt, der das Auge und dessen Fehlsichtigkeit nicht mehr als Ganzes untersucht, sondern die Fehlsichtigkeit Schritt für Schritt in verschiedenen Abschnitten des Auges ermittelt, wie einzelne Puzzleteile. Die Einzelteile werden anschließend über einen Algorithmus zur individuellen Fehlsichtigkeit des Auges zusammengesetzt. Damit ist der Testablauf sehr schnell, einfach und eigenständig vom Untersuchten durchführbar.
Aktuell arbeiten wir an weiteren Features, die die Benutzerfreundlichkeit des Sehtests verbessern sollen. Konkret: ein auf das Testkonzept abgestimmtes haptisches Eingabegerät sowie eine automatisierte, sprachgesteuerte Nutzerinteraktion. Über die rechtskonforme Nutzung von anonymisierten Gesundheitsdaten wollen wir in Zukunft unseren Testalgorithmus optimieren, um den Sehtest noch schneller und präziser werden zu lassen. Das ist aktuell eine sehr spannende Zeit für uns.
Wer profitiert von diesem Produkt?
An erster Stelle soll der Endverbraucher von dem Produkt profitieren. Das sind alle Fehlsichtigen weltweit – immerhin 2,2 Milliarden Menschen. Wovon weltweit nur 36% Zugang zu geeigneter Diagnostik haben. Sicher ist die Versorgungslage in Deutschland positiver zu bewerten, dennoch ergeben sich auch in Deutschland vor allem in ruralen Regionen Versorgungslücken.
Damit unser Sehtest für Fehlsichtige zugänglich sein wird, adressieren wir in der ersten Phase etablierte Anlaufstellen: Augenoptiker, Augenärzte und Arbeitsmediziner gleichermaßen. Gerade Fachärzte sind heute stark ausgelastet, Patienten warten mitunter lange auf einen Termin. Unsere Lösung bietet hier die Möglichkeit, Fehlsichtigkeit schnell und präzise zu bestimmen. Was bislang rund 15 bis 20 Minuten dauerte, lässt sich mit unserer Technologie in einer fünfminütigen Untersuchung abbilden. Eine erste Validierung zeigt, dass unser Sehtest mit dem aktuellen Goldstandard der Untersuchung hinsichtlich Präzision und Verlässlichkeit nicht nur mithalten, sondern bereits im aktuell prototypischen Stadium überlegen sein kann. Das ist natürlich auch für Augenoptiker interessant – insbesondere für große Filialisten, die ihre eng getakteten Arbeitsprozesse effizienter gestalten möchten. Aber auch kleinere Optikgeschäfte können profitieren, etwa um Fachkräftemangel oder Lastspitzen am Wochenende flexibel abzudecken. Wir sehen aber auch großes Potenzial bei Arbeitsmedizinern, die für ein breites Testspektrum schwere und unhandliche Gerätetechnik von einem Einsatzort zum nächsten transportieren müssen. Unser System ermöglicht durch seinen kompakten Formfaktor eine völlig neue Flexibilität der Nutzung. Aufgrund der automatisierten und damit eigenständigen Anwendbarkeit kann der Sehtest als Ergänzung zu bestehenden Versorgungsangeboten in einer späteren Phase als niedrigschwelliges und flächendeckendes Angebot gedacht werden, z.B. in Drogerien, Apotheken oder an ähnlichen Standorten in der Stadt und auf dem Land.
Was war die erste Anlaufstelle für Ihre Gründungsidee?
Die Idee entstand im Rahmen meiner Doktorarbeit, die über eine kooperative Promotion an der TU Ilmenau und EAH Jena unter Einbindung eines Unternehmens entstand, welches sich im Bereich „Automotive“ mit 3D-Displays beschäftigte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits den Gedanken, dass sich diese Technologie auch auf diagnostische Anwendungen übertragen lässt. Nach meiner Promotion habe ich nach Mitstreitern gesucht und gemeinsam mit Dr. Ilka Urban und Nico Trinks weiter am Konzept gearbeitet. Hierzu hatten wir anfänglich Unterstützung durch das „REAHLIZE“-Projekt der EAH Jena, das uns sowohl erste finanzielle Mittel als auch den Zugang zu Räumlichkeiten im StartUpLab zur Verfügung gestellt hat.
Wie konnte die Thüringer Gründungsinfrastruktur helfen?
Wahnsinnig wichtig war für uns die Thüringer Gründungsprämie, die wir 2023 erhalten haben. Mithilfe der Unterstützung waren wir über ein Jahr finanziell abgesichert und konnten uns vollständig auf unser Projekt konzentrieren. Im Mai 2024 haben wir dann unser Unternehmen, die PERCEPTEC GmbH, gegründet.
Wie kam die bm|t ins Spiel?
Durch die Professionalisierung der Strukturen und Abläufe im Unternehmen, die Erfüllung weiterer Entwicklungsschritte zu einem ersten funktionsfähigen Prototyp und die Konkretisierung unseres Geschäftsmodells konnten wir bm|t, Sparkasse Jena-Saale-Holzland und weitere Business Angel als Investoren für unser Unternehmen gewinnen. In dieser Seed-Runden haben wir dabei nicht nur finanzielle Unterstützung erhalten, sondern auch wertvolle Fachexpertise gewonnen, die uns in unterschiedlichen Bereichen weitergebracht hat. Zusätzlich wurde ein Projektvorhaben mit hohem Fördervolumen im Förderprogramm FTI Thüringen Technologie bewilligt. Diese finanziellen Mittel haben uns die Möglichkeit gegeben, unser Team auf mittlerweile sechs Mitarbeiter zu erweitern und unser innovatives Produkt weiterzuentwickeln und zu validieren.
Wie ist der Status quo?
Wir können aktuell eine mehrfach prämierten, funktionsfähigen Prototypen vorweisen, der bereits in dieser Phase sehr vielversprechende Ergebnisse liefert. Ein deutsches Patent wurde bereits 2025 eingereicht, dazu liegt seit 2026 eine internationale PCT-Anmeldung vor. Weitere Patentanmeldungen sind in Arbeit. Das Team hat sich zu einer starken Einheit entwickelt und das Unternehmen macht erste, relevante Umsätze. Weiter sind wir aktuell in Gesprächen mit strategischen Kooperationspartnern und auf der Suche nach weiteren starken Partnern, um den Marktzugang mit Weitsicht vorzubereiten.
Wir sind gerade dabei eine weitere Finanzierungsrunde für 2027 vorzubereiten, um vom Prototyp zur Vorserie in den Markt zu gelangen. Bei Interesse an einem eingehenderen Austausch kann man uns gerne kontaktieren.
Wie ist Ihre Vision für die Zukunft?
Die Geschwindigkeit, in der heute neue Technologien entstehen, ist atemberaubend. Wir wollen gerne unseren Teil dazu beitragen. Aktuell liegt unser Fokus auf dem Testverfahren zur effizienten Bestimmung von Fehlsichtigkeiten. Gleichzeitig gibt es viele andere diagnostische Verfahren im Bereich der Augenoptik und Augenheilkunde, die man neu denken kann – immer mit dem Ziel die Augendiagnostik effizienter zu gestalten und leichter zugänglich zu machen.
Vielen Dank für das Gespräch.
[Das Interview mit Markus Leicht führte Tina Zimmermann von der Thüringer Aufbaubank]
